Der Kletterer
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Der Kletterer

Die Biographie

Der Schmerz lässt sich nicht mehr verdrängen. Die Finger zeigen Risse und sind so geschwollen, dass sie sich nicht mehr abwinkeln lassen, geschweige denn in die engen Löcher und scharfen Untergriffe passen. Andreas Bindhammer ist im Kampf. Er gegen die ‚PuntX‘ 9A, eine wie er es formuliert „ultraresistente Route“ im Sektor Deversé bei Nizza. Sie verlangt ihm viel ab. Doch er gibt nicht auf.


Es ist diese Hartnäckigkeit, mit der Andreas Bindhammer, der ältere der „Hammerbrothers“, von Kindesbeinen an an die Dinge herangeht. 1985 findet der damals 12-Jährige unter dem Christbaum das DAV-Jahrbuch. Tagelang ist er kaum ansprechbar, verbringt Stunden damit, wieder und wieder die Beschreibungen von Sportkletterrouten zu lesen. Es ist der Startschuss einer Karriere an den kniffligsten Wänden dieses Planeten.

In gemeinsamen Wanderurlauben mit den Eltern ist er als Teenager fasziniert von senkrechten 500-Meter-Wänden. Er will sie bezwingen. Doch noch hat er keine Ahnung, wie das gehen soll, nur eine Sehnsucht, die in ihm brennt. Es überredet den Vater, ihn auf alpine Routen mitzunehmen und in den Klettergarten. Andreas macht rasant Fortschritte, steht mit 15 vor einer unerwarteten Hürde: Er hat ein Niveau erreicht, bei dem ihm in seinem Umfeld niemand mehr Tipps geben kann, wie er noch mehr aus sich herausholt. Der DAV-Kader macht’s schließlich möglich.

Jetzt geht alles schnell. 1993 nehmen die „Hammerbrothers“ – Christian hat sich von der Passion des älteren Bruders anstecken lassen – zum ersten Mal an Wettkämpfen teil. 1995 wird Christian Jugendmeister, Andreas Deutscher Meister. Vier Jahre später holt er sich den U1AA+Weltcup in der Wiener Neustadt, wird dritter im Gesamtweltcup. Jahrelang leben die Brüder nur noch für Wettkämpfe, trainieren davor ausschließlich in der Halle.

Doch plötzlich reicht es Andreas mit Indoor. Er, der die Begeisterung für den Sport draußen erlangt hatte, fühlt sich eingesperrt und in der Folge demotiviert. Er will wieder raus an den Fels. Zudem merkt er, dass er auch ans Geldverdienen denken muss. Gesponsert wird nur, wer gewinnt, und selbst vom Gewinnen kann kein Kletterer leben.

Gemeinsam mit Bruder Christian baut er die Firma MasterRange auf. Der Geschäftsführer-Job frisst mittlerweile viel Zeit und macht die optimale Vorbereitung auf neue Projekte nicht ganz einfach. „Ich müsste mich eigentlich ständig mit neuen Routen auseinandersetzen. Und würde das auch am liebsten!“, gesteht er ein wenig wehmütig.
Er genießt zwar auch die Stunden, in denen vor seinem inneren Auge neue Kletterwelten entstehen, die er dann am Computer Form annehmen lässt. Aber das Gestalterische allein macht noch keine Firma aus. Buchhaltung beispielsweise gehört auch dazu, Akquise, Führung von Menschen.

Seine Hartnäckigkeit kommt Andreas auch hier Zugute. So, wie er eine neue Route immer wieder studiert und den perfekten Weg hindurch austüftelt, dreht und wendet er die Parameter von MasterRange – und später seiner neuen Firmengründung eXXpozed – stets aufs Neue. Was kann man wie besser, neu, anders machen?

 

„Das Klettern am Fels, das ist für einen selbst, für immer.“

 

Seit der Höhenrausch abklang, in dem er gemeinsam mit Bruder Christian national und international einen Titel nach dem anderen abräumte, sind die eigenen Routen am Fels das, was ihm am meisten Spaß macht. Denn: „Das Klettern am Fels, das ist für einen selbst, für immer.“ Der Name des Erstbegehers bleibt ewig mit einer Route verbunden. Die Wettkampferfolge in der Halle sind eine tolle Genugtuung und wichtig für Sponsoren, aber flüchtig. Neuer Wettkampf, neue Beweisnot. Die Konkurrenz schläft auch nicht.


Letzteres gilt natürlich auch für das Klettern im Fels. Doch der verlangt mehr Durchhaltevermögen. Er fordert die Psyche des Kletterers nicht nur während der wenigen Minuten, die das Publikum gebannt und zum Teil über Großleinwände verfolgt, ob der Wettkämpfer früher scheitert als die Herausforderer. Draußen dauert es Stunden, Tage, Wochen, Monate oder vielleicht sogar Jahre, bis sich eine neue Route bezwingen lässt. Insbesondere auf dem Niveau, das Andreas erreicht hat: 9A+.

Die ‚PuntX‘ 9A beispielsweise sieht er sich bereits 2006 genau an, direkt nach der Begehung der ‚Abysse‘ 9A/A+. Doch die Züge fallen ihm zu schwer. „Ich konnte kaum die Zwischensicherungen einhängen“, erinnert er sich. Das reizt ihn. Monatelang trainiert er nur im Boulder-Bereich, legt sich eine neue Strategie für die Versuche vor Ort zurecht: „Mein Plan sah vor, am ersten Tag bis zu vier Versuche in der Route zu machen, den folgenden Tag im nahe gelegenen, eher fingerschonenden Sandstein-Bouldergebiet Annot zu verbringen, um dann nach einem Ruhetag wieder Versuche in der Route zu machen.“ Mitte September 2008 – dem Jahr, in dem er mit ‚St. Anger‘ 9A und ‚Hades‘ 9A bereits zwei Erstbegehungen vorgelegt hat – ist es dann soweit. Von schmerzenden, geschundenen Fingern geplagt, steht er plötzlich oben. Ein Schrei der Freude krönt den Erfolg.

Es ist ein ewiger Balanceakt: Die eigene körperliche Höchstleistung muss punktgenau dann abrufbar sein, wenn die Verhältnisse stimmen. Manchmal hilft auch eine gewisse Wut, die sich während der erfolglosen Versuche aufstaut. Eine Art heiliger Zorn.
Aus diesem Grund nannte Andreas auch seinen Erfolg im März 2008, die Realisierung eines offenen Projektes von Francois Legrand, rechts der ‚Zauberfee‘ 8C+ in Arco: ‚St. Anger‘. „Nur mit einem gewaltigen Maß an kontrolliertem Zorn zur richtigen Zeit war der Durchstieg möglich.“ Auf der etwa 20 Meter langen Route sind 28 Züge ohne Ruhepunkt zu absolvieren. Die ersten 13 Züge sind sehr athletisch, erfordern ein hohes Maß an Körperspannung, vergleichbar mit der Schlüsselpassage einer 8B+-Route. Dann der Knackpunkt: Ein extrem schwer zu koordinierender Sprung in eine seichte, unsichtbare Schale. Ein langer Trainingswinter mit den Schwerpunkten Campus- und Bouldertraining macht es am 22. März schließlich möglich.
Bei der Namenswahl, verrät Andreas, stand seine Lieblingsband Metallica Pate. Er verehrt die Musiker, auch weil er bei ihnen Parallelen zu sich selbst sieht: „Ihre Musik hat die gleiche Energie wie vor zwanzig Jahren. Genau das entdecke ich bei mir in Bezug auf den Klettersport.“ Er fordert sich selbst noch immer mit dem gleichen Spaß heraus wie früher.

Am Fels ein Pionier, zeigte sich Andreas auch visionär bei der Firmengründung. Mit MasterRange besetzte er eine Marktlücke in Deutschland. Es ist ihm gelungen, seine Passion Klettern auf einen Beruf zu übertragen, in dem er seine Begeisterung an viele Sportler weitergeben kann. Sei es durch die Konzeption von Kletteranlagen, vielseitigen und abwechslungsreichen Routenbau, den Verkauf hochwertiger Produkte für den Outdoor-Bereich über die Internet-Plattform eXXpozed oder die Weitergabe von Erfahrungen im Rahmen von Kursen.

Das bedeutet zwar, dass ihn bei seinen eigenen Projekten stets das Notebook begleitet und morgens wie abends nach dem Klettern noch Büroarbeit wartet. Aber Andreas hat es geschafft, Beruf und Berufung zu einer Symbiose zu führen, die auf derselben Leidenschaft basiert: Dem Fels.