Berichte & Stories
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Marathon durchs Dach – Andreas wiederholt „La Novena Enmienda 9a+“

Spanien, November 2009

Katalonien ist bekannt für seine Dichte an schweren Routen. Und ein Gebiet sticht hier besonders hervor: Die Höhle Cova Grande bei Santa Linya, in den kühleren Monaten „Promitreff“ der internationalen Kletterszene und perfektes Trainingsareal. Unzählige Linien versprechen Herausforderungen am oberen Ende der Schwierigkeitsskala. Neben dem bisher noch nicht befreiten Projekt Neandertal führt nur eine Linie aus dem Zentralbereich der Höhle ganz zum Ausstieg: La Novena Enmienda, eine Erstbegehung von Dani Andrada aus dem Jahr 1995, die – damals mit 9a+/b bewertet – als weltweit schwerste Route galt. Die 55m lange und genauso überhängende Line kombiniert La Novena Puerta und La Traversia de la Enmienda, beide mit 8c+ bewertet. Für Andreas Bindhammer, der sich in seiner Wahlheimat Allgäu den Sommer über gezwungenermaßen eher mit kurzen, maximalkräftigen Routen und Bouldern (Frontman Deluxe 8c+/9a) beschäftigt hatte, also eine echte Herausforderung.

Die ersten Tage waren eine echte Qual: mit dreimaligem Hängen bis zur ersten Kette – mehr ging einfach nicht…

Nach einigen Tagen fiel zwar dann La Novena Puerta, doch im zweiten Teil der Route fehlten die Reserven für die schweren Boulderpassagen.

Mein Ausdauerkontingent bei jedem Versuch voll auszuschöpfen war eher kontraproduktiv. Mein Maximalkraftniveau schwand dadurch zusehends und ich konnte viel zu selten den ersten Teil der Route klettern. – Eine Trainingsumstellung musste her…

Die neue Herangehensweise sah vor, am ersten Tag Versuche in der Route zu starten, am zweiten Tag ausschließlich zu bouldern, um das Maximalkraftniveau auf konstantem Level zu halten.

Die Rechnung ging auf. Innerhalb kürzester Zeit konnte ich ohne vorheriges Aufwärmen den ersten Teil der Route klettern und mich voll auf den oberen Part konzentrieren.

Mehr als drei Versuche pro Tag waren allerdings nicht möglich.

Starker Wind und geringe Luftfeuchtigkeit – Bedingungen, die Andreas dieses Jahr bisher kaum vorgefunden hatte, helfen den Fortschritten in der Route im November dann schließlich auf die Sprünge. Der schwerste Zug im oberen Teil der Route – ein brachialer Blockierzug in ein Einfingerloch – geht jetzt bei Versuchen von unten regelmäßig. Die neue Crux ist nun der Untergriffkreuzzug in einen versteckten Schlitz, nur zwei Züge danach. Doch in Anbetracht der enormen Höhe und Steilheit der Route ist die Idee zur Kraftersparnis schnell gefunden: durch Überklettern der Zwischensicherung sollte die Passage flüssiger von statten gehen… – Der nächste Versuch endet zwar weit von der Wand entfernt im Seil, aber der Zielgriff lag schon fast in der Hand… Abendlich kühle Bedingungen und etwas mehr Reserven in der Schlüsselpassage bringen Andreas am gleichen Tag dann doch noch den erhofften Erfolg: der Schlitz liegt in der Hand. In der darauf folgenden etwas leichteren Untergriffpassage versucht er sich zu erholen. Auch die nächste schwere Passage mit enorm weit anmutenden Zügen klappt. Es fehlen noch etwa 10 m bis zur Umlenkung. Noch den nächsten Untergriff durchziehen, dann kommen wieder bessere Griffe. – Die Anfeuerungsrufe von unten verstummen als Andreas abtaucht und 10m weiter unten kopfüber im Seil hängt. Die Route ist noch nicht zu Ende, seine Kraft hingegen schon.

Die Santa-Linya-Gleichung: 8c+²=9a+

Nach dem Versuch war mir klar, dass es klappen sollte, wenn nicht alles schief läuft. Ich versuchte also, mich am nächsten Tag so gut wie möglich zu erholen und am folgenden einen neuen Versuch zu starten.

Es ist windig. – Und kalt! So kalt, dass Andreas an jedem halbwegs guten Griff mit verzerrtem Gesicht seine freie Hand an den Körper presst, um sie wieder warm zu bekommen. Kurz vor Mitte der Route scheint jegliches Gefühl aus seinen Fingern gewichen, es geht nicht mehr weiter. Die Temperaturen unter 10°C und der starke Wind entziehen nach und nach alle Energie, die Muskulatur kontrahiert und erstarrt, die Bewegungen wirken verkrampft und abgehackt.

Mit Shirt und Longsleeve ausgestattet startet Andreas etwas später einen neuen Versuch. Am dritten Haken ist er jedoch schon zu Ende, der Körper nach der Pause zu sehr ausgekühlt. Egal, er gibt nicht auf – ausbinden und gleich nochmal. – Dieses Mal gelingt es ihm die Finger warm zu halten. Andreas kämpft sich Stück für Stück nach oben. Die Schlüsselpassage im oberen Teil scheint durch die kühlen Bedingungen entspannter zu gehen als sonst, der Zug in den Schlitz gelingt knapp, aber er gelingt. Anfeuerungsrufe setzen ein. Es ist Sonntag und trotz der Temperaturen ist die Höhle voller Kletterer. – Geht es wieder kopfüber abwärts?

Noch sieht alles kontrolliert und flüssig aus. Gleich kommt der Untergriff, Ende des bisher besten Versuchs. Der Körper kippt nach hinten – aber dieses Mal ist die Hand an der Zange. – Es geht weiter…! An den zwei besten Griffen im oberen Teil der Route versucht Andreas nun seine Fingerspitzen für die letzten Meter wieder auf Betriebstemperatur zu bringen. Die darauf folgende, kleingriffige und sichtbar athletische Passage erfordert nochmals volle Konzentration. Etwa fünf Minuten dauert es bevor Andreas loslegt. Alles sieht gut aus. Er verschwindet über der Kante. Wenig später enden wieder die Anfeuerungsrufe. Dieses Mal mit einem kaum hörbaren, erleichterten Jubelschrei von weit oben. – Applaudierende Rufe außerhalb der Höhle gefolgt von einem Hupkonzert der vor der Kälte in ihre Autos geflüchteten Kletterer signalisieren, dass es geschafft ist.

Der Marathon durch das Höhlendach hat ein Ende…!