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Momente der Freiheit – Begehung von „Papichulo 9a+“

Oliana, Spanien, 6. Mai 2016

Wie so häufig in den letzten beiden Wochen war es eine kurze Nacht. Meine beruflichen Projekte lassen mir gerade keine Zeit für ausgiebige Regenerationsphasen. Doch immerhin: durch ein zum Auslandsbüro umfunktioniertes Apartment mit schneller Internetverbindung kann ich an dem Ort sein, an dem ich auch mit mehr zeitlichem Spielraum gerne wäre.  Und wie so oft in den letzten Tagen mache ich mich auf den Weg zum Fuß der beeindruckenden 60-Meter-Welle des Contrafort de Rumbau, der Wand mit dem weltweit größten natürlichen Vorkommen an Testpieces im obersten Schwierigkeitsbereich.

Zu oft hielt Papichulo 9a+ in den letzten Tagen – und Wochen – meinen Versuchen stand. Bis zu dreimal pro Tag hatte ich den Kampf mit meinem selbstgewählten Gegner aufgenommen.  Und dennoch ließ der finale Triumph bereits eine gefühlte Ewigkeit auf sich warten. Auch heute standen die Zeichen nicht allzu gut: dunkle Regenwolken über den Pyrenäen, eine hohe Regenwahrscheinlichkeit an den kommenden Tagen, die Zunahme der Luftfeuchtigkeit bereits spürbar. In Gedanken noch bei den ungelösten Problemen, mit denen ich mich in den letzten Wochen vor dem Weg zum Fels täglich mehr als sechs Stunden auseinanderzusetzen hatte, stehe ich wieder einmal am Einstieg der Route, deren Ende aus dieser Perspektive unendlich weit entfernt zu sein scheint.

„Aber ich bin hier. Das ist es, was zählt!“

Und das, was über mir wartet, ist nicht nur einer der Meilensteine von Chris Sharma – es ist auch bevorzugtes Testpiece für die internationale Elite der Extremkletterer. Eine ganz besondere Herausforderung also!

Und das spürt man gleich auf den ersten sieben Metern, bei denen es im Grad 8b+ bereits ordentlich zu Sache geht, bevor man auf dem Band danach absitzen darf und Zeit hat, über Gott und die Welt, die Arbeit oder – und das ist die beste Variante – über die nächsten Züge nachzudenken. Überhaupt hat man in der Route immer wieder eine Menge Zeit zum Nachdenken. Über die Probleme, die man aus einem Job, der einen nie mehr loslässt, mit an den Fels bringt. Dann gilt es, all den ungelösten Aufgaben zum Trotz den Befreiungsschlag zu wagen und sich auf eine völlig andere Gedankenwelt einzulassen. Sich zu befreien. Man richtet seinen Fokus auf Dinge wie den besten Zeitpunkt, wieder weiter zu klettern. Wenn das Eintauchen in die neue Gedankenwelt nicht gelingt, hängt man spätestens vier Meter weiter oben im Seil und hat ausreichend Gelegenheit, seine Gedanken neu zu sortieren.

„So sitze ich also auf dem Band nach dem Einstiegsboulder – und versuche, meine Gedanken auf die nächsten Meter zu fokussieren.“

Denn auf den physisch-mentalen No-Hand-Rest folgt gleich die längste schwere Passage mit zwei weiten Seitspannern und anschließendem Schulter-Belastungstest über insgesamt 15 Meter. Nach einem quälenden Ruhepunkt geht es danach direkt in die Schlüsselpassage. Und auch hier – wieder voll auf die Schultern. Bei einem weiten Spanner nach rechts zu einem versteckten Loch im Sinter hatte es mich an den letzten Tagen immer wieder zerlegt. Heute gelingt der Zug – trotz merklich hoher Luftfeuchtigkeit und den im Hintergrund bereits bedrohlich aufziehenden Regenwolken.

„Bevor ich mich weiter darüber wundern kann, heißt es plötzlich: Jetzt dranbleiben! Alles geben!“

In der anschließenden Passage nach links habe ich schon deutlich stärkere Kandidaten scheitern sehen. Ich muss mit den mangels Möglichkeit zum Nachchalken zunehmend schmieriger werdenden Griffen kämpfen, damit mich nicht das gleiche Schicksal ereilt. Und erreiche tatsächlich den rettenden Schüttelpunkt – am letzten Hemd!

„Hinterher wird man mir sicher wieder einmal sagen, dass alles total entspannt ausgesehen hat. – Klar doch! Total entspannt!“

Und dann geht‘s los: mentaler Part, die Zweite. Wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um in die nächste, doch recht athletische und reichlich bedingungsabhängige Passage zu starten? Hier bin ich in der Vergangenheit schon des Öfteren ziemlich in Schleudern geraten und war dabei deutlich weniger gepumpt als jetzt.

Inzwischen ist es im Gebiet auch recht still geworden. Sogar Luna, der Bullterrier-Mischling mit dem schrillen Kläffen, hat sich anstecken lassen und ist verstummt. Ich vermute, man ist gespannt, wie es weitergeht in Papichulo.

„Endlich das Staffelfinale oder doch bloß ein weiterer Cliffhanger?“

Und es muss weitergehen. Mehr Entspannung kann ich in gepumpte Arme nicht mehr reinschütteln. Die Passage gelingt. Was jetzt folgt, habe ich tagelang einstudiert – auch wenn es oft eine Quälerei war.

„Aber jetzt soll sich die Mühe bezahlt machen. Jetzt will ich den Lohn kassieren.
Konzentriert bleiben, keine Fehler machen!“

Alles gut gelaufen. – Ich bin jetzt vor der heiklen Ausstiegsplatte. Heikel nur, wenn man sie noch nicht kennt und alle Chalkspuren abgewaschen sind. Oder wenn man einen gewaltigen Pump auf den Armen hat – so wie ich gerade. Man munkelt, es hätte hier bereits namhafte Kletterstars noch abgeworfen, obwohl sie den für mich echt harten unteren Teil mit links weggespult hatten. Das soll mir nicht passieren!

Und schon bin ich mittendrin in der letzten Herausforderung, die Papichulo noch aufzubieten hat. Ich setze gerade den unangenehmen Kreuzzug in das einsame Dreifingerloch an, das mich noch von der finalen Platte trennt – plötzlich fängt der rechte Fuß an auf dem Reibungstritt zu rutschen. Hilft nichts – nochmals zurück fassen, Trittposition korrigieren und hoffen, dass die Unterarme noch genügend Reserven haben.

„Wäre doch gelacht! Ich habe mich schon in aussichtloseren Situationen durchbeißen können!“

Der aufkommende kalte Wind spielt mir jetzt in die Karten (auch das darf ab und zu mal sein): ich kann den Reset-Knopf drücken und das Ganze nochmals neu ansetzen, dieses Mal ohne Rutschen. Der Grip stimmt jetzt auch. Die letzten Züge gelingen wie in Trance.

„Endlich. Geschafft! Für einen Moment sind alle Probleme weit unter mir. Ich habe wieder zu mir selbst gefunden. – Für einen Moment fühle ich mich wirklich – frei.“